Messergebnisse der geophysikalischen Untersuchungen

Zur Detektion von baulichen Überresten des ehemaligen Lager II Aschendorfermoor, im Besonderen der Lokalisation historischer Massengräber, wurde zunächst eine Reihe nicht-invasiver geophysikalischer Methoden eingesetzt, um den Untergrund zerstörungsfrei zu untersuchen.
Die Studierenden erlernten dazu den Umgang mit geophysikalischen Methoden. Für die Untersuchung des Untergrundes setzten sie ein magnetisches Gradiometer ein, welches Störungen im Erdmagnetfeld vermisst. Nach der Magnetikmessung wurde ein Magnetogramm prozessiert, aus dem eine Verräumlichung und Intensität der Anomalien abgelesen werden konnte.

Mit dem Einsatz eines Georadars werden aktiv elektromagnetische Strahlen in den Untergrund entsendet, die in Abhängigkeit zur materialspezifischen elektrischen Leitfähigkeit des Untergrundes reflektiert und von der Radarantenne registriert werden. Nach der Messung konnten hier sogenannte Radargramme prozessiert werden, die, ergänzend zur Magnetikmessung, Informationen über den Untergrund in allen drei Raumdimensionen (wie Fläche und Tiefe) wiedergeben.  Die geophysikalischen  Messungen wurden von dafür ausgebildeten Sondengängern ergänzt, die bei der Ermittlung und Einmessung kleinerer Lesefunde, die während der Untersuchungen auf dem Acker zutage traten, unterstützten.

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Der gelbe Kreis kennzeichnet die Lage des 'Massengrabes B'. Die vielen schwarzen Punkte (Anomalien) deuten auf Objekte im Boden oder einen veränderten Boden - Gruben - hin. Der grüne Kreis kennzeichnet die Lage der heutigen Kriegsgräberstätte.
(Quelle Abbildung: Dr. Andreas Stele;
Quelle Basisdaten: LiDAR DGM/Schummerung basierend auf LiDAR-Rohdaten des Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen)

Der Fokus der geophysikalischen Messungen lag zunächst auf dem hier in einem historischen Lageplan eingezeichneten 'Massengrab B'.
Die umfassende, beinahe den gesamten Bereich des Häftlingsbereichs des Lagers umfassende Magnetometerprospektion visualisierte deutlich Reste der heute nicht mehr sichtbaren Infrastruktur dieses Teils des Lagers: Umzäunung des Lagers, Fundamentreste der Baracken und einen in den Lageplänen verzeichneten, verfüllten Löschwasserteich. Die aus Eisen bestehenden Überreste des ehemaligen Lagerzauns treten als viele nah beieinanderliegende, lineare und rechtwinklig angeordnete kleinere Dipolanomalien (hier als schwarz-weiß, eng beieinander liegende Punkte erkennbar) in Erscheinung, die sich vom ansonsten magnetisch ruhigen Untergrund deutlich abheben und die Interpretation als Lagerzaun stützen. Das verfüllte 'Massengrab B' hingegen konnte nicht deutlich identifiziert werden. An dem vermuteten Ort lieferte die Magnetometrie keine ausreichenden Hinweise für einen eindeutigen Befund. Messungen mit dem Georadar führten allerdings zu Vermutungen, dass es tatsächlich eine größere Grube in dem Bereich gegeben haben könnte.
Im Bereich der heutigen Kriegsgräberstätte, die die Studierenden ebenfalls mit dem Georadar und dem Magnetometer untersuchten, ergaben sich durch die Untersuchungen zwei weitere Befunde: Zum einen konnte erneut ein Teil des Lagerzauns sichtbar gemacht werden, der mehrfach im Zuge von Umgestaltungen der Kriegsgräberstätte überbaut worden war. Die Kriegsgräberstätte befindet sich damit heute zu einem Teil auf dem ehemaligen Lagergelände. Zum anderen deuteten Anomalien auf zwei größere Gruben, möglicherweise Grablagen, in der Mitte der Kriegsgräberstätte hin.

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Magnetogramm des Geländes des ehemaligen Strafgefangenenlagers II Aschendorfermoor.
(Quelle Abbildung: Andre Jepsen;
Quelle Basisdaten: Esri, Maxar, Earthstar Geographics, and the GIS User Community)

Das hier dargestellte Magnetogramm wurde während der Herbstschule 2020 im Häftlingsbereich des ehemaligen Lagers II Aschendorfermoor aufgenommen.
Innerhalb des Lagerzauns zeichnen die magnetisch unruhigen Bereiche die ehemaligen Barackenstandorte nach. Teilweise sind die Gebäudegrundrisse noch schwach erkennbar. Die magnetischen Anomalien könnten z.B. von im Untergrund noch vorhandenen armierten Fundamentresten, (gebrannten) Ziegeln (Mauerwerk) oder sonstigen baulichen Überresten stammen, die einen ausreichend starken magnetischen Kontrast, bzw. Anomalien im Magnetfeld, hervorrufen. Eine Hypothese, die die Magnetisierung unterschiedlicher Materialien (Sedimente, Baumaterialien ö.a.) durch starke Erhitzung erklären könnte, ist die Annahme eines britischen Luftangriffs mit Brandbomben, der sich jedoch sowohl in der historischen Quellenanalyse als auch in den geoarchäologischen Messungen nicht vollumfänglich bestätigten ließ. Für einen Brandbombenangriff könnten die oberflächennahen Schlackereste und geschmolzene Baumaterialien (z.B. Glas) sprechen, die während der Messungen wiederholt gefunden wurden, welche nur bei hohen Temperaturen entstehen. Die Lagerwege heben sich als vergleichsweise magnetisch ruhige Bereiche von den ansonsten unruhigen Barackenstandorten ab. Nur einige kleinere Dipole verweisen auf Metallteile, die im Bereich der Wege liegen.

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Emma Hadré erklärt den Teilnehmer:innen die Funktionsweise der Rammkernsonde.

(Quelle: Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, Universität Osnabrück)

Unter anderem im Bereich des ehemaligen Löschteichs wurden auf Grundlage der geophysikalischen Messungen mit einer Rammkernsonde Bohrprofile bis in eine Tiefe von ca. 4 m abgeteuft.
Neben der standardisierten Bodenansprache nach Bodenkundlicher Kartieranleitung 5 führten die Studierenden unter Anleitung schließlich auch Messungen der magnetischen Übernahmefähigkeit (Suszeptibilität) der niedergebrachten Sedimentproben durch, um so genauere Daten über die materialspezifischen magnetischen Eigenschaften des Untergrundes zu ermitteln.
Durch die Bohrungen innerhalb und außerhalb des Löschteichs konnten die Erkenntnisse der geophysikalischen Messungen, historischen Quellenanalyse und Luftbildauswertung verdichtet werden und anhand der chaotisch im Löschteich abgelagerten Sedimente wurde ermöglicht, diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit nachzuweisen. Der Löschteich wurde demnach mit großer Wahrscheinlichkeit nach seiner ursprünglichen Nutzung mit Bauschuttresten und autochthonen Sedimenten wieder verfüllt. Besonders zu erwähnen sind dabei rötlich verfärbte Sedimente (Verweis auf die Entstehung von magnetischen Eisenmineralen z.B. Hämatit während einer starken Erhitzung, beispielsweise denkbar im Kontext eines britischen Brandbombenangriffs) sowie Bauschutt und Schlackereste in einer Tiefe zwischen 1.9 und 2.3 m. Die Messung der magnetischen Suszeptibilität im Bereich der rötlich verfärbten Sedimente in einer Tiefe von 2.2 m zeigt extrem hohe Messwerte im Vergleich zum restlichen Bodenprofil.